Oder: Warum wir plötzlich alle allein wohnen – obwohl wir es gar nicht wollen

Neulich kam mir ein Gedanke, der mich seitdem nicht mehr loslässt:
Warum gilt gemeinschaftliches Wohnen eigentlich als etwas, das man „hinter sich lässt“?

WG – das ist Studium, wenig Geld, Übergang. Danach kommt der Ernst des Lebens: eigene Wohnung, eigene Tür, möglichst wenig Reibung. Ruhe. Kontrolle. Und ja – im Zweifel die Eigentümerversammlung, bei der man schon vorher weiß, dass man sie eigentlich nicht aushält.

Ich merke bei mir selbst: Dieses klassische Modell passt nicht so richtig. Aber die Alternative ist auch nicht einfach.

Denn die Idee, wieder – oder besser gesagt: bewusst – mit anderen Menschen zu leben, hat etwas extrem Anziehendes. Nicht als Rückschritt, sondern als Upgrade. Mehr Austausch. Mehr Leben im Alltag. Menschen um sich, die nicht zufällig im gleichen Haus wohnen, sondern mit denen man zumindest ein Stück Haltung teilt.

Und gleichzeitig: der Wunsch, jederzeit die Tür hinter sich schließen zu können.

Genau in diesem Spannungsfeld bewegen sich neue Wohnformen, die man oft unter „gemeinschaftliches Wohnen“ oder „Mehrgenerationenwohnen“ zusammenfasst. Keine klassische WG, sondern eher ein kleines System: mehrere eigenständige Wohnungen, dazu gemeinsame Flächen – ein Garten, vielleicht eine Werkstatt, ein Raum, der nicht sofort durchgeplant ist.

Die Idee dahinter ist bestechend einfach: Nähe, wenn man sie will. Rückzug, wenn man ihn braucht.

Und dann kommt die Realität.

Ich habe mich eine Zeit lang durch bestehende Projekte gearbeitet. Viel Idealismus, viele gute Gedanken – und erstaunlich oft sehr klare Vorstellungen davon, wie man zu leben hat. Manchmal wirkt es fast wie ein unausgesprochenes Regelwerk: so denken wir, so leben wir, so solltest du sein.

Das hat mich ehrlich gesagt eher abgeschreckt.

Denn so sehr ich die Idee von Gemeinschaft schätze – ich merke auch, wie wichtig mir Freiheit ist. Keine endlosen Abstimmungen. Kein Gefühl, sich ständig anpassen zu müssen. Keine versteckten Erwartungen, die irgendwann schwerer wiegen als jede Miete.

Und trotzdem bleibt die Frage: Wenn wir alle in unseren eigenen Wohnungen sitzen – was fehlt uns dann eigentlich?

Vielleicht ist die Lösung kleiner, als man denkt. Keine Großprojekte mit zwanzig Parteien und ausgefeilten Konzepten, sondern eine überschaubare Gruppe. Vier, fünf Einheiten. Menschen, die nicht identisch sind, aber ähnlich ticken. Die Lust haben, Dinge zu teilen – ohne dass alles geteilt werden muss.

Ein Haus, ein Hof, ein Garten. Genug Platz für Rückzug. Und genug Offenheit für Begegnung. Keine Ideologie. Aber auch nicht beliebig.

Denn ganz ohne gemeinsame Basis funktioniert es nicht. Es braucht eine gewisse Offenheit, Interesse an anderen Lebensentwürfen, vielleicht auch den Wunsch, nicht alles nur auf den eigenen Vorteil auszurichten. Menschen, die über ihren eigenen Tellerrand hinausschauen – ohne daraus gleich ein Programm zu machen.

Ob so etwas leicht umzusetzen ist? Wahrscheinlich nicht. Viele dieser Projekte bleiben in der Idee stecken, weil genau das am schwierigsten ist: die richtigen Menschen zu finden.

Und vielleicht ist das auch der ehrlichste Punkt an der ganzen Sache.

Es geht weniger um Häuser oder Konzepte. Es geht um die Frage, mit wem man sich vorstellen kann, ein Stück Leben zu teilen – ohne sich selbst dabei zu verlieren.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir oft doch wieder allein wohnen.

Und vielleicht ist es gleichzeitig der Grund, warum sich der Gedanke nicht so leicht abschütteln lässt.

Wie denkst Du darüber? Teile Deine Überlegungen zum Thema gerne in der Diskussion unter diesem Beitrag.

Krefelder Projekte zum gemeinschaftlichen Wohnen in Krefeld:

Die ARD Doku-​Serie „Wie wohnt NRW“

Hier ein paar weiterführende Links zum Thema:

Foto: von joyce huis auf Unsplash

1 Kommentar

Wolfgang Behl Di. 5. Mai 2026 10:42

„Leben wie ein Baum, einzeln und frei,
doch brüderlich wie ein Wald,
das ist unsere Sehnsucht.

Nâzım Hikmet aus dem Gedicht „Davet“ (Die Einladung) drückt den Wunsch nach einem Leben in individueller Freiheit und gleichzeitiger Solidarität aus. Was schon in früheren Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, in unserer Erinnerung seit der Künstlergemeinschaft Monte Verità verlockend war, um nicht in der Einsamkeit des Single-​Daseins oder der Kleinfamilie zu landen, wurde durch die aus der Not geborenen oder den politischen Einstellungen entsprungenen Wohngemeinschaften der 60er und 70er Jahren sowie den Hippiekommunen ins Bewusstsein größerer Bevölkerungskreise gerufen. Massentauglich wurde es nicht. Erst durch die zunehmende Vereinsamung, Überalterung und Beziehungsunfähigkeit der modernen Zeitläufte entsteht wieder bei vielen der Wunsch nach gegenseitiger Hilfe, relativer Geborgenheit und Kommunikation, um nicht sein Leben alleine im Altersheim oder vor der Glotze zu beenden.

Die Probleme sind nicht nur die fehlenden finanziellen Mittel oder eine schwierige Infrastruktur, sondern auch die gesellschaftlichen und individuellen Prägungen, Vorlieben und Charaktere der Beteiligten, die naturgemäß im Alter eine größere Rolle spielen als zur Jugend- bzw. jungen Erwachsenenzeit. Nicht umsonst ist mir im Raum Krefeld nur ein existierendes (in Kempen) und ein angestrebtes Wohnprojekt bekannt.

Trotzdem bin ich nach einem halben Jahrhundert Zusammenleben mit 5 bis 10 Menschen unterschiedlichen Alters, erst als Wohngemeinschaft, dann als Grundstücksgemeinschaft mit familiären Untergruppen nach wie vor überzeugt, dass das die überlegene Wohnform ist – so man denn die passenden Menschen und den passenden Ort findet.

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