Sommerabendkonzerte im Stadtgarten
Text: Reinhold Janowitz
Baukultur, Feiern, Konzert, Musik, Pop, Stadtkultur
Wenn der Pavillon wieder zur Bühne wird
Freitagabend, kurz nach acht. Die Sonne steht tief zwischen den alten Bäumen des Stadtgartens, aus dem gusseisernen Musikpavillon dringt der erste Ton. Rundherum werden Decken ausgebreitet und hier und da Klappstühle auf dem Rasen aufgestellt, jemand schenkt Wein in Plastikbecher, ein Hund döst zwischen Picknickkörben. Was hier an jedem ersten Freitag des Monats zwischen Juni und September passiert, hat inzwischen echten Festival-Charakter – auch wenn der Eintritt frei ist und niemand ein Ticket braucht.
Am 7. August war Brillo and the Beasts zu Gast, gemeinsam mit Oliver Landwehrs und seinem neuen Bühnenprojekt Omega. Zwei musikalische Welten trafen aufeinander: hier straighter Garage-Rock mit Punk-Attitüde, dort ein Konzeptalbum irgendwo zwischen Singer-Songwriter und Avantgarde-Pop.
Von der Punkrock-Legende zur fünfköpfigen Band
Brillo ist in Krefeld kein Unbekannter. Als Schlagzeuger und Sänger der Punkrock-Formation „Beam me up, Scotty“ hat er sich schon vor Jahrzehnten in der lokalen Musikszene einen Namen gemacht. Mitte der 2000er gründete er mit der Bassistin und Sängerin Pe („Satanic Slutz“) das Garagepop-Duo „Der Schöne und das Biest“. Über wechselnde Besetzungen der letzten Jahre ist daraus mittlerweile die fünfköpfige Band Brillo and the Beasts geworden – verstärkt um Schlagzeug, Gitarre und Tiefenbass. Herausgekommen ist ein eigenwilliger Mix aus Rock, Punk und Garage, mit einer gehörigen Portion Rock’n’Roll und erdigen Blues-Anleihen.
Die Reihe geht in neue Hände über: die KMI übernimmt
Über einige Jahre war es Jörg Enger, der die Sommerabendkonzerte im Stadtgarten organisiert hat. In dieser Saison hat er die Organisation abgegeben – seit Juni 2026 verantwortet die Krefelder Musik Initiative e.V. (KMI) die Reihe. Den Auftakt machte am 5. Juni ZÄndi mit Singer-Songwriter-Sound, gemeinsam mit allesKarl und deren Indie-Klängen.
Das Konzept ist dabei bewusst unverändert geblieben: Von Juni bis September gibt es immer am ersten Freitag im Monat Livemusik im Pavillon, jeweils von 20 bis 22 Uhr, mit zwei Acts pro Abend. Der Eintritt ist frei, gespielt wird als Hutkonzert – „sei gut zum Hut“, wie es im Ankündigungstext der KMI heißt. Picknickdecken, mitgebrachte Getränke und Musik mitten im Grünen: Genau diese entspannte Sommerabend-Atmosphäre ist es, die die Reihe seit Jahren trägt und die mit dem Organisationswechsel erhalten bleibt.
Ein Pavillon mit Geschichte
Dass ausgerechnet dieser Ort seit Jahrzehnten für Livemusik unter freiem Himmel steht, hat mit der Geschichte des Stadtgartens selbst zu tun. Die Grünanlage entstand 1814 zunächst als erster kommunaler Friedhof Krefelds und wurde bis 1867 belegt. Erst 1879 genehmigte die Stadtverordnetenversammlung den Umbau zur öffentlichen Parkanlage – die noch heute erkennbaren Lindenalleen aus der Friedhofszeit wurden dabei in die neue Parkgestaltung integriert.
Der gusseiserne Musikpavillon, der bis heute das Zentrum des Parks bildet, wurde 1892 im Zuge dieser Umgestaltung errichtet, zusammen mit einem Kurhaus, geschwungenen Wegen und Brunnenanlagen. Konzerte gehörten damit von Anfang an zum Konzept des Stadtgartens – und diese Tradition riss über das 20. Jahrhundert hinweg nicht ab: Historische Fotos belegen regelmäßige Wandelkonzerte im Pavillon bis mindestens in die 1970er Jahre, etwa ein Konzert im Jahr 1970 sowie ein Foto aus dem Jahr 1962, das ein Konzert zum Ausklang der damaligen Außensaison zeigt. Bis in die 1980er-Jahre wurde der Pavillon regelmäßig für Konzerte und auch für Maikundgebungen genutzt.
Danach verfiel das Baudenkmal zunehmend, ehe eine umfassende Sanierung – begleitet von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und der Krefelder Denkmal-Stiftung unter Architekt Klaus Reymann – das 1892 errichtete Bauwerk wieder in einen weitgehend originalgetreuen Zustand versetzte. Dabei kamen unter anderem der historische Terrazzoboden und Reste einer Jugendstil-Deckenmalerei wieder zum Vorschein. Mit den Sommerabendkonzerten der letzten Jahre – zunächst getragen von den Stadtgartenfreunden und nun von der KMI – knüpft der Pavillon damit an eine Nutzung an, die weit über 130 Jahre zurückreicht.
Von der Einzelinitiative zur Vereinssache
Was diesen Übergang bemerkenswert macht, ist mehr als ein simpler Organisatorenwechsel. Was einst als Initiative eines Einzelnen begann, liegt heute in der Trägerschaft eines Vereins der freien Krefelder Kulturszene. Die KMI bringt damit nicht nur ein Netzwerk aus Musikerinnen und Musikern mit, sondern auch die strukturelle Kontinuität, die eine solche Reihe braucht, um über einzelne Personen hinaus zu bestehen. Dass eine Konzertreihe mit über hundertjähriger Bühnengeschichte auf diese Weise weitergetragen wird, zeigt einmal mehr, wie sehr die freie Kulturszene das Leben im öffentlichen Raum bereichert – ganz ohne Eintrittspreis, nur mit dem Hut, der herumgeht.
Die nächsten Termine der Sommerabendkonzerte finden sich auf dem Instagram-Kanal der KMI – deren Website, so munkelt man, wird zurzeit überarbeitet.
Fotos: © Reinhold Janowitz
Kultur in Krefeld e.V. Gefördert durch das Kulturbüro Krefeld