Wer entscheidet, welche Buchhandlungen förderwürdig sind?
Text: Janne Schwerdtfeger
Kulturarbeit, Literatur, Wissen
Die Debatte um den Deutschen Buchhandlungspreis und warum sie unabhängige Buchhandlungen betrifft
Jedes Jahr wird der Deutsche Buchhandlungspreis verliehen. Er wurde geschaffen, um genau jene Orte zu stärken, die für die literarische Kultur in Deutschland unverzichtbar sind: unabhängige Buchhandlungen. Orte, die nicht nur Bücher verkaufen, sondern Lesungen veranstalten, Diskussionen ermöglichen und Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Auch der andere Buchladen in Krefeld hat diese Auszeichnung bereits dreimal erhalten.
In diesem Jahr steht der Preis jedoch aus einem anderen Grund im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat drei Buchhandlungen von der Liste möglicher Preisträger gestrichen: den Buchladen „Zur schwankenden Weltkugel“ in Berlin, den „The Golden“ in Bremen und den Buchladen „Rote Straße“ in Göttingen.
Alle drei Läden waren zuvor von einer unabhängigen Jury für den Preis vorgeschlagen worden. Die Begründung für den Ausschluss lautet, es gebe „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“. In der Buchbranche hat diese Entscheidung eine breite Debatte ausgelöst – nicht zuletzt, weil die zugrunde liegenden Vorwürfe selbst nicht öffentlich überprüfbar sind.
Die Diskussion trifft eine Branche, die ohnehin seit Jahren unter Druck steht. Immer mehr kleine, unabhängige Buchhandlungen müssen schließen. Steigende Mieten, Konkurrenz durch große Onlinehändler und veränderte Marktbedingungen machen das Überleben vieler Läden schwierig. Zwischen 2018 und 2023 musste knapp ein Viertel der Buchläden in Deutschland schließen.
Gerade deshalb hat der Deutsche Buchhandlungspreis eine besondere Bedeutung. Neben dem symbolischen Wert ist er auch finanziell relevant: Die Auszeichnung kann mit bis zu 25.000 Euro Preisgeld verbunden sein und bringt vor allem Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit für kleinere Buchhandlungen.
Für unabhängige Buchhandlungen kann diese Kombination aus Förderung, Öffentlichkeit und Anerkennung einen echten Unterschied machen, manchmal sogar darüber entscheiden, ob ein kultureller Ort weiter bestehen kann.
Wer eine unabhängige Buchhandlung betreibt oder regelmäßig besucht, weiß: Diese Orte sind mehr als Geschäfte. Sie sind Treffpunkte. Sie sind Diskussionsräume. Sie sind Orte der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Hier entstehen Gespräche über Literatur, Politik und gesellschaftliche Entwicklungen. Autorinnen und Autoren begegnen ihrem Publikum, kleine Verlage finden Sichtbarkeit, neue Ideen kommen in Umlauf.
Genau in dieser Tradition sehen wir auch den anderen Buchladen. Seit fast 50 Jahren verstehen wir uns nicht nur als Buchhandlung, sondern als kulturellen Ort in der Stadt. Als Raum für Gespräche über Literatur, Politik und Gesellschaft. Für Lesungen, Veranstaltungen und Begegnungen. Für Bücher, die nicht immer im Mittelpunkt der großen Bestsellerlisten stehen, aber wichtige Perspektiven eröffnen.
Unabhängige Buchhandlungen schaffen solche Räume, oft mit begrenzten Mitteln, aber mit großem Engagement.
Die aktuelle Diskussion um den Deutschen Buchhandlungspreis berührt deshalb eine grundsätzliche Frage: Welche Rolle spielt politische Haltung im kulturellen Raum? Buchhandlungen waren nie unpolitisch. Bücher selbst sind es auch nicht. Literatur stellt Fragen, widerspricht und eröffnet neue Perspektiven. Wenn nun eine politische Einordnung, in diesem Fall eine linke, zum Anlass wird, Buchhandlungen aus einer kulturellen Auszeichnung auszuschließen, verändert das den Blick auf solche Orte. Es entsteht der Eindruck, dass kulturelle Förderung davon abhängen könnte, welche politischen Perspektiven vertreten werden.
Für eine offene Kulturlandschaft ist das eine problematische Entwicklung!
Unabhängige Buchhandlungen leben von Vielfalt: von unterschiedlichen Stimmen, Perspektiven und Ideen. Von Debatten, die manchmal auch kontrovers sind. Diese Vielfalt ist kein Problem, sie ist der Kern einer lebendigen literarischen Öffentlichkeit. Gerade deshalb bleiben unabhängige Buchhandlungen wichtige Orte im kulturellen Leben einer Stadt. Orte, an denen gelesen, diskutiert und gestritten wird und an denen neue Ideen entstehen können.
Auch der andere Buchladen versteht sich als Teil dieser kulturellen Infrastruktur. Als Ort der Begegnung, der Vernetzung und der offenen Diskussion. Denn eine demokratische Öffentlichkeit lebt davon, dass Ideen gelesen, geteilt und hinterfragt werden können.
Und genau dafür sind unabhängige Buchhandlungen da.
Foto: © Janne Schwerdtfeger
Tagesschau vom 10.3.2026:
(Ergänzung der Redaktion)
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