In der Kulturrampe gibt es das schöne, vom seligen Pille ins Nachtleben gerufene – und glücklicherweise vom aktuellen Rampen-Chef Maurice fortgeführte – Abendprogramm „Best of Plattenschrank“, bei dem stadtbekannte Halunken und Hallodris die 25 Songs auflegen, die ihr Leben maß– oder auch nur unmaßgeblich beeinflusst haben. Ich hätte es ja streng nach Nick Hornby „31 Songs“ genannt, aber wir sind halt Krefeld, nicht London, da müssen 25 reichen. Ich konnte Ritchies „Sir Richard Cadillacs“-Session beiwohnen und die ist mit „überraschend“ nur annäherungsweise beschrieben. Aber leider heißt es nicht umsonst „auflegen“ und nicht „playlisten“, weil Vinyl verlangt ist. Nun ist es dummerweise so, dass ich genau zu dem Zeitpunkt über ausreichend Barschaft für Musikalien verfügte, als sich die CD anschickte, das Vinyl in den Orkus zu schicken – eine irrige Annahme, wie sich herausstellte, aber nun nenne ich vierstellig CDs mein Eigen, aber nicht mal hundert Platten. Soundmäßig ein grober Beschiss, nur getoppt von noch digitalerem Stream-Datenmüll, aber so ist es nun mal.
Nichtsdestotrotz kickt mich der Gedanke der 25 Songs schon – nicht zuletzt auch wegen Nick Hornbys „31 Songs“-Novelle, die ich nicht nur verschlungen habe, sondern die mich auch daran erinnert, dass „Teenage Fanclub“ ebenfalls in die Liste gehört, aber leider nur in die Bonustracks vorrücken kann. Oder ins Encore.
Meine 25 Songs kamen mir als Inspiration übrigens innerhalb kürzester Zeit in dieser wunderbaren Halb-wach-ich-halb-schlafe-ich-schon-Phase, die Lemmy einst so schön mit „… wrong side of another day“ spezifiziert hat, auch wenn da die kleine Zeile „I should be tired but all I am is wired“ noch einen kleinen Zaunpfahlwink in die pharmazeutische Unterhaltungsabteilung gibt.
Erstaunlicherweise sind 25 Tracks gar nicht zu wenige, sondern genau die richtige Menge Musik, die man gut verpacken kann – nicht umsonst traf Philips bei der Erfindung der CD mit einer Spielzeit von 74 Minuten ganz gut die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne eines normalen Mitteleuropäers, bevor Euphorie in Langeweile kippt.
Beim Nachdenken über die Konzeption, oder wie man heute sagt: beim Kuratieren – wobei ja heute schon die Speisekarte einer Dönerbude kuratiert ist – war mir schnell klar, dass meine musikalische Sozialisation höchst unchronologisch verlief und ich so eine Reihenfolge zusammen „kuratieren“ muss, die autobiografisch statt schnöde chronologisch verläuft. Das ist ein bisschen mit Reverse Engineering zu erklären: Traten die „Ramones“ in mein musikalisches Leben, wollte ich wissen, wer vorher da war, und dann kamen „The MC5“ eben danach.
Aber jetzt mal Tacheles. Los ging es eigentlich mit „Cheap Trick“ und „I Want You to Want Me“, was in der Beschallung eines Karussells von Bruno Tusch beim „Spiel ohne Ranzen“ während der Schülerbespaßung in den Sommerferien jeden Tag lief. Ich weiß nicht mehr, wann das war – aber ich weiß noch, dass eine Kugel Eis 25 Pfennig kostete und ich mit dem Fahrrad on the road war. Aber: Der Song ist nur pro forma in der Liste, denn er klang irgendwie mit heutigen Ohren ausgesprochen müde und nicht ansatzweise so wild, wie ich ihn in Erinnerung hatte.
Also mache ich weiter mit der nächsten musikalischen Überraschung: „Deep Purple“. Die habe ich das erste Mal gehört bei meinem Jugendfreund Vrede, der sein Zimmer mit Schwester und Bruder teilte – wobei der Bruder der interessantere war in unserem damaligen Alter. Der trug Wrangler-Jeans, knautschige braune Lederjacken, einen respektablen Vokuhila, fuhr Kreidler Florett, trank Rhenania Alt und hörte „Hardrock“ – also den richtig harten: „Scorpions“, „Rainbow“, „Black Sabbath“ und: „Deep Purple“. Ich verstand kein Wort von dem, was da gesungen wurde, aber mir war instinktiv klar, das sind nicht die „Les Humphries Singers“ aus dem ZDF und die kommen auch nicht zu Dieter Thomas Hecks Hitparade. „Deep Purple“ verschwanden dann irgendwie wieder aus meinem Kosmos, aber die Saat ging später doch noch sehr auf und das Übel nahm seinen Lauf.
Der nächste Schritt in eine musikalische Adoleszenz begann dann klipp und klar mit „AC/DC“. Dass dazwischen eine kurze Mofa- und Benetton-Popperphase mit den „Simple Minds“ lag, klammere ich hier mal beschönigend aus. „AC/DC“ traf mich wie der sprichwörtliche Blitz beim Stoffwechselausscheiden, denn ich fand zum einen die Vögel auf dem Cover höchst sympathisch und zum anderen funktioniert der höchst simple Unterhaltungsanspruch bei mir musikalisch ausgezeichnet. Was mich zum kleinen Exkurs verführt: politische Botschaften musikalischer Art – „I ain’t gonna play Sun City“ und so … ja, schön und gut, aber „Now I Wanna Sniff Some Glue“ fand ich dann immer irgendwie mehr Rock ’n’ Roll und auch schlicht glaubwürdiger. Was uns – der Kenner hat’s gleich erkannt – zu den „Ramones“ führt, meiner ersten echten „Lieblingsband“, schätze ich, die ich auch einige Male live erlebt habe – unter anderem im Tor 3 mit den „Gaye Bikers on Acid“ als Vorband und einem Ticket, das ich mir nur kaufen konnte, weil ein mir inzwischen landesweit bekannter Immobilienmogul meine mit Edding und Patches customisierte Jeansjacke abkaufte, die man ihm im Pogo dann in Streifen vom Körper riss.
Und ich schwöre bei Gott, das ist wahr.
Danach lernten wir Mittelklasse-Outlaws neue Leute kennen und es kamen interessante musikalische Einflüsse dazu – der rebellische Sohn eines Sanitärinstallateurs aus der Nachbarschaft nannte eine fette Plattensammlung sein Eigen, die bewacht wurde von Vitus, dem Killer-Rauhaardackel, dessen Knurren im dunklen elterlichen Treppenhaus auf der Schreberstraße immer wieder in Erinnerung rief, dass man mit 15 noch spätabends an fremden Eltern vorbei nach Hause gehen musste.
Aber dann ging die Abnabelung vom trauten Bockumer Vorortheim plötzlich sehr schnell, eingeleitet von dem ersten wüsten Live-Konzert bei „Batmobile“ im Doornroosje. Damit war eine bürgerliche Existenz im herkömmlichen Sinne nicht mehr möglich, wenngleich ich der Band keinen Platz in meiner Top 25 geben würde – dafür aber den frühen „Meteors“, die sich mit „Radioactive Kid“ für immer in meine Hirnwindungen gefräst und den Beweis erbracht haben, dass ein Krachersong mit 1:43 absolut seinen Job erledigen kann und keine Sekunde länger braucht. Und ein weiterer Beweis dafür, dass der Rock ’n’ Roll keinerlei ideologischen Ballast braucht, um absolut rebellisch zu sein.
Ich kann tatsächlich nicht mehr genau sagen, wann der Track Nr. 7 autobiografisch einzuordnen ist – aber ich weiß ganz genau, wo mir die „Pogues“ das erste Mal begegnet sind: In Peter Illmanns „Formel 1“ lief ein Video von „Waxies Dargle“ und ich erinnere mich genau an den Refrain, denn da hämmert sich Shane MacGowan eine blecherne Salatplatte rhythmisch vor den Kopf – das ist ohne Zweifel sehr Punk gewesen und seitdem hat er einen großen Platz in meinem Herz, wenngleich ich stets damit rechnete, seinen Nachruf lesen zu müssen. (Update: Shane hat inzwischen seinen Platz an der Theke der ewigen Rock ’n’ Roll Hall of Fame eingenommen.)
Apropos Punk – ich war nie einer, was für ein Bockumer Mittelstandskind irgendwie auch unglaubwürdig gewesen wäre –, aber für die ein oder andere Ausdrucksform hatte ich doch ein offenes Ohr. Wie etwa „The Saints“, die sich so pathetisch herzzerreißend in die Seele sangen, und „The Clash“, die als Briten viel mehr amerikanisch waren, als sich Bruce Springsteen stets bemühte. Ich habe mir den Text von „Gates of the West“ nie angesehen und werde es auch nicht mehr, weil ich mir meine eigene Interpretation der totalen Freiheit, die der Song verkörpert, mit einer schnöden Übersetzung nicht mehr nehmen lassen will.
Aber es wird mal wieder Zeit für einen Crash – alle paar Jahre wird die Musikwelt erschüttert von Bands, die den ganzen alten Kram einfach wegblasen. Weil ich Punk verpasst habe, hatte ich meine zweite Chance dann aber mit den Sub-Pop-Bands aus Seattle – die erste, die mir buchstäblich den Scheitel gezogen hat, war „Mudhoney“ im Daddy Duisburg, danach war alles andere irgendwie alt. So eine verdammte Energie von Slackern, die kaum ihren Gitarrenkoffer tragen konnten. Damit hatte ich dann meinen ersten eigenen Sound meiner Generation gefunden, der nicht schon von anderen vorgehört und vereinnahmt war.
Das Sub-Pop-Label in Seattle brachte dann plötzlich eine Band nach der anderen auf den Markt, die den Hairspray-Rock der „Mötley Crüe“ und „Guns N’ Roses“ einfach wegpusteten. Haarsprayflasche leer. „Soundgarden“ fand ich grandios, zusammen mit „Pearl Jam“ machten sie das sensationelle „Temple of the Dog“-Album. Und natürlich „Nirvana“, die mit „Nevermind“ den Soundtrack einer ganzen Generation lieferten und leider auch gleichzeitig den Sellout einleiteten.
Am meisten geblieben ist mir aus der Zeit aber „Mark Lanegan“, der mit den „Screaming Trees“ irgendwie genau meinen Nerv traf und mich musikalisch seitdem bis zu seinem viel zu frühen Tod begleitet hat. Die Rolle „Mark Lanegans“ in meiner musikalischen Sozialisation kann ich gar nicht genug betonen, ich habe ihn sicher gut zwanzigmal oder mehr live gesehen und auch ein paarmal die Gelegenheit gehabt, mit ihm zu reden, wobei ich fast vor Ehrfurcht erstarrt bin. In meinen Augen ein absoluter Ausnahmemusiker, dem nur wenige das Wasser reichen konnten, wie sich auf dem Tributekonzert Ende 2024 in London auch zeigte, wo sich der britische Harald-Juhnke-Imitator Dave Gahan an seinen Songs vergriff. Dafür machte aber Josh Homme einen verdammt guten Job und trat für mich erneut den Beweis an, dass „Queens of the Stone Age“ die beste zeitgenössische Rockband sind.
Das Thema Stoner Rock zieht sich wie ein roter Faden durch meinen musikalischen Kosmos – seit ich damals in Vredes Jugendzimmer erstmals „Black Sabbath“ auf einem Monoplattenspieler hörte. Obwohl ich das mit ungefähr 16 nicht richtig einordnen konnte, kam es dann plötzlich wieder zurück – und zwar in Form des King-Größenwahns Dave Wyndorf und „Monster Magnet“, die ich tatsächlich recht unvorbereitet in der alten Kufa Krefeld das erste Mal live gesehen habe. Und das gleich in der richtigen Konstellation mit ein paar Pilzen. Unvergesslich. In die gleiche Ära fällt dann auch „Kyuss“, die sich mit den „Screaming Trees“ auf Tour die Musiker teilten und sich dann in den „Desert Sessions“ alle wiederfanden, was nun aber wirklich zu weit führt.
Paradoxerweise teilte sich mein Musikgeschmack immer in zwei Richtungen auf – ich mochte die verschlungenen, symphonischen Fummeleien des Metals irgendwie gerne und habe mich auf der anderen Seite immer total in der Minimalmusik des Rockabilly wiedergefunden – so kommen „The Cramps“ und vor allem auch der geniale und vollkommen unterschätzte „Tav Falco & Panther Burns“ in die Liste. Tav Falco ist eine schillernde Figur aus der Musikszene in Memphis, der auf ganz eigene Art Blues, Rockabilly, Walzer und Tango verknüpft und als Persönlichkeit herausragend exaltiert auftritt. Liveauftritte waren rar, aber jedes Mal ein Ereignis, denn seine Band ist hervorragend und was auf den ersten Ton so schräg klingt, ist in Wahrheit absolut ausgeklügelt. Die Liebe zu den Minimalisten kann ich auch in gerader Linie bis in die Kindheit zurückführen: Mein Vater hörte „Johnny Cash“ und „Bob Dylan“ rauf und runter, das musste also hängen bleiben und nur wiederbelebt werden.
Am Ende der Liste schließt sich der Kreis mit „Joe Strummers“ „Long Shadow“, einer rührenden Hommage an Johnny Cash und einer meiner absoluten Lieblingssongs, dessen Schlusszeile ich mir in den Grabstein meißeln lasse: „Somewhere in my soul there is always Rock ’n’ Roll.“
„Klingt gut? Melde Dich in der Kulturrampe und lege selbst die 25 Hits Deines Lebens auf.“
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Best of Plattenschrank von Reinhold Janowitz
Für Nerds:
Gelebter Underground – das Unrock ABC
Kultur in Krefeld e.V. Gefördert durch das Kulturbüro Krefeld
3 Kommentare
Andrea Heisig Fr. 20. Feb. 2026 16:42
Sehr schöner Text, habe laut gelacht! Wenn man Maurice ganz lieb fragt, darf man auch CDs auflegen (ist schon 1x geschehen). Das CD Deck muss wohl vorher gereinigt werden (zur Zeit kann es die hinteren Tracks nicht erkennen).
Jörg Baier Sa. 21. Feb. 2026 09:09
Grossartig geschrieben❤️🥳❤️
Der Soundtrack startet sofort im Kopf und macht grosse Lust
a) Olaf zu sehen und auflegen zu hören und
b) die eigene 25 Songs Essence aus 45 Jahren musikalischer Entwicklung anzugehen 😬😅scary challenge😬
Reinhold Janowitz Fr. 20. Feb. 2026 23:24
Ich protestiere! Da steht, dass Olaf noch um die 100 Alben irgendwo rumstehen hat. Ich will erst die „Best of …“ daraus hören, bevor ich mir ansehen muss, wie er mit den Silberlingen hantiert.