Ein Gespräch zwischen Reinhold Janowitz und Typedesigner Moritz Kleinsorge aus Kempen

Foto: Elena Peters, Kempen

Als mich Kultur in Krefeld gebeten hat, inhaltliche und gestalterische Impulse für die neue Website kulturinkrefeld.de zu geben, war das für mich mehr als eine spannende Gestaltungsaufgabe. Als Kommunikationsdesigner aus Krefeld und langjähriger Begleiter der lokalen Kulturszene bin ich dieses Projekt mit der Überzeugung angegangen, der Vielfalt und Qualität von Kultur in unserer Stadt auch gestalterisch gerecht werden zu wollen.

Sehr schnell wurde mir klar, dass es dabei nicht nur um Struktur, Nutzerführung oder Design geht, sondern um Haltung. Um die Frage, wie Kultur sichtbar wird – und welche Stimme sie im digitalen Raum bekommt. Die Wahl einer Schriftart mit regionaler Herkunft spielte für mich dabei eine zentrale Rolle – wenn diese denn zu finden sei …

Umso größer die Freude, als ich bei meinen Recherchen auf Moritz Kleinsorge und seine Type Foundry „Identity Letters“ mit Sitz in Kempen stieß. Moritz ist kein Grafikdesigner, der nebenbei ein paar Schriften gestaltet  – er ist selbständiger Schriftgestalter mit einem schon jetzt beachtlichen Katalog an Schriftarten, die er geschaffen hat. Ich hatte also reichlich Optionen.

Meine Entscheidung fiel letztlich auf seine Schriftart „Nomos Sans“. Doch statt diese Wahl nur für mich zu begründen, wollte ich wissen, wie der Schriftgestalter selbst darauf blickt: Wie sieht er den Einsatz seiner Schrift im kulturellen Kontext? Was treibt ihn als Schriftgestalter vom Niederrhein an?

Aus dieser Neugier ist das folgende Gespräch entstanden:

Reinhold Janowitz: Moritz, die neue Website kulturinkrefeld.de stellt Krefelder Kulturakteure und -orte vor und wird unter der Rubrik „Themen“ über Kultur in und aus Krefeld berichten. Darüber hinaus ist sie als Plattform für die Vernetzung der Szene angelegt. Bei der Suche nach einer passenden Schrift war uns wichtig, nicht nur gestalterisch, sondern auch inhaltlich regional zu denken. Du betreibst mit Identity Letters eine Type Foundry in Kempen, quasi vor Krefelds Haustüre. Wie fühlt es sich an, Teil dieses Projekts zu sein?

Moritz Kleinsorge: Sehr gut – und ehrlich gesagt auch ziemlich stimmig. Schrift wirkt oft im Hintergrund, aber sie prägt, wie wir Inhalte wahrnehmen. Wenn eine Kulturplattform aus Krefeld bewusst mit einer Schrift aus der Region arbeitet, entsteht eine zusätzliche Ebene von Identität.

„Das ist keine Folklore, sondern Haltung.“

Reinhold Janowitz: Viele Menschen nehmen Schrift vor allem funktional wahr: Sie soll gut lesbar sein. Du sagst aber: „Typography is not just words. It’s identity.“ Was meinst du damit?

Moritz Kleinsorge: Schrift transportiert immer Werte, auch wenn man sie nicht bewusst analysiert. Sie kann laut oder leise sein, rational oder emotional, traditionell oder experimentell. Genau wie Architektur, Musik oder Mode ist Typografie Teil unserer visuellen Kultur.

„Wenn man Schrift gezielt auswählt, sagt man etwas über sich – und darüber, was einem wichtig ist.“

Reinhold Janowitz: Für kulturinkrefeld.de fiel die Wahl auf deine Schrift Nomos Sans. Du beschreibst sie selbst als „brutalistisch“. Was bedeutet das in der Typografie?

Moritz Kleinsorge: Der Begriff kommt ursprünglich aus der Architektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: rohe Materialien, sichtbare Konstruktion, nichts wird versteckt. Übertragen auf Schrift heißt das: klare Formen, ehrliche Konstruktion, keine dekorativen Spielereien.

„Nomos zeigt, wie sie gebaut ist – und genau das macht ihren Charakter aus.“

Reinhold Janowitz: Das klingt zunächst ziemlich streng. Passt das zu einer Kulturplattform?

Moritz Kleinsorge: Absolut. Gerade Kultur braucht ein starkes, verlässliches Fundament. Nomos Sans ist zwar nüchtern, aber nicht kalt. Sie hält sich im Fließtext bewusst zurück und entfaltet ihre Kraft in Überschriften. Das gibt Raum für Inhalte – für Kunst, Musik, Theater, Literatur.

„Sie drängt sich nicht auf, aber sie hat Rückgrat.“

Reinhold Janowitz: Wenn du Nomos Sans jemandem erklären müsstest, der sich noch nie mit Typografie beschäftigt hat – wie würdest du das tun?

Moritz Kleinsorge: Ich würde sagen: Nomos Sans ist eine Schrift, die sehr klar spricht. Sie ist gut lesbar, wirkt modern, aber nicht modisch. Sie ist weder verspielt noch steril.

„Design muss nicht laut sein, um stark zu wirken.“

Reinhold Janowitz: Spielt der Ort Kempen und die Region Niederrhein für deine Arbeit eine Rolle?

Moritz Kleinsorge: Ja, definitiv. Der Niederrhein ist keine klassische Design-Metropole – aber er ist ehrlich, direkt und kulturell vielschichtig. Diese Mischung prägt auch meine Arbeit.

Reinhold Janowitz: Nomos Sans funktioniert sowohl in großen Überschriften als auch im Kleingedruckten – online wie offline. Wie wichtig ist dieser Spagat heute?

Moritz Kleinsorge: Extrem wichtig. Schrift muss heute auf dem Smartphone genauso funktionieren wie auf dem Plakat oder in einem Programmheft. Gerade Kulturinstitutionen bewegen sich ständig zwischen analog und digital.

„Eine gute Schrift wird zu einem Partner – nicht nur zu einem Stilmittel.“

Reinhold Janowitz: Wenn du den kulturellen Wert von Schrift in einem Satz zusammenfassen müsstest – wie würde er lauten?

Moritz Kleinsorge:

„Schrift ist die Stimme unserer Inhalte – und jede Stimme erzählt etwas über ihre Herkunft, ihre Haltung und ihre Zeit.“

Reinhold Janowitz: Vielen Dank für den Austausch – und Danke, dass du mit deiner Arbeit zum Gesicht von kulturinkrefeld.de beiträgst.

Mehr zu Moritz Kleinsorge und seinen Schriftarten auf identity-letters.com

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