28. Februar 2026 · Jazzkeller Krefeld

Die Überraschung des Abends waren ganz klar TIGERJUNGE aus Bochum. Das „Zwei-Mann-Punk-Industrial-Mantra-Massaker“, wie sie es selbst formulieren, brachte den Jazzkeller nicht nur aufgrund brachialer Lautstärke von der ersten Sekunde ihres Gigs zum Beben. Bernards Anlage ging zeitweise in die Knie, was TIGERJUNGE nicht davon abhielt, stoisch ihr Programm durchzuziehen. Respekt dafür!

TIGERJUNGE am 28.2.2026 im Jazzkeller Krefeld

Mich hat das gesamte TIGERJUNGE-Set geradezu umgehauen. Deshalb ließ ich es mir auch nicht nehmen, die beiden Macher dieses unentrinnbaren Text/Sound-Infernos im Nachgang ihres Auftritts zu befragen:

Der Opener eures Sets in Bernard Bosils Jazzkeller war „Money is fire“ mit der Zeile „Die Welt brennt!“. Und das ausgerechnet am Tag des Angriffs Israels und der USA auf den Iran. War das Zufall oder ein politisches Statement?
Dino Pischel: Die Welt hat schon immer gebrannt, seit es Menschen gibt. Und wird es immer tun. Tigerjunge schreibt nicht unbedingt über den Zeitgeist, aber die Geschichte wiederholt sich (leider) und so kann man die Texte auch auf aktuelles beziehen.
Christian Althaus: Ich habe den ganzen Tag keine Nachrichten geschaut, erst nachts … Wie Dino sagt, das ist ja leider nicht der einzige Konflikt, wir geben auf der Bühne keine politischen Statements ab, das wäre überheblich. Wie der Hörer Dinos Texte am Ende empfindet, zeitlos oder aktuell, sei ihm überlassen.

Kann eine Band, die heute deutsche Texte schreibt, überhaupt unpolitisch sein?

Dino: Die Entscheidung über Liebe und positive Dinge und nicht unbedingt direkt über Politik zu schreiben, finde ich großartig. Tigerjunge will keinem erzählen wie die Welt funktioniert, wir sind alle blind.
Christian: Wir sind sehr politische Menschen, aber auf der Bühne möchten wir unsere Musik sprechen lassen. Wir versuchen beides – Sound und Gesang/Text – einerseits zeitlos, andererseits „unerhört“ klingen zu lassen.

Euer Album „Tod und Spiele“ macht auf mich den Eindruck eines Konzeptalbums – eine eigentlich in heutigen Zeiten geradezu aus der Mode gekommenen Idee. Das Inner Sleeve der Vinyl liefert sogar die kompletten Texte. Wie steht ihr generell zur Idee des Albums in der heutigen Streaming-Welt, wo sich gefühlt alle nur noch durch Playlists zappen?
Dino: Es ist zwar kein Konzeptalbum aber ein roter Faden ist zu spüren. Ich finde es schade, dass das Hören eines ganzen Albums durch die Streamingplattformen nicht gerade gefördert wird, z.B. durch die Playlisten. Dagegen kommen wir zwar nicht an (und wollen wir auch gar nicht), aber für uns und unsere Musik haben wir bewusst dieses Medium gewählt.
Christian: Finde ich gut, wenn du es als ein „Konzeptalbum“ empfindest. Stimmt schon, einen roten Faden hat es definitiv. Es sollte auch wie aus einem (Sound)Guss klingen. Aber wir hatten nicht den Plan, ein Konzeptalbum im klassischen Sinn zu machen. Vinyl ist einfach ein schönes Medium, und wenn Vinyl, dann richtig, also mit Sleeve, viel zu gucken und entdecken, man legt die Vinyl auf, hört in Ruhe zu und schaut sich das Cover aufmerksam an. Ob man wohl Details entdeckt, oder versteckte Hinweise; und das am besten ziemlich oft … Ob man wieder was neues entdeckt?

Dino, Deine Bühnenpräsenz ist geradezu überwältigend – woher kommt diese Energie? Ist das Wut, Frust oder … Liebe? Oder um es mit Euren eigenen Textzeilen zu sagen: „Deine Worte sind wie Messer!“
Dino: Danke für das Kompliment! Die Antwort auf deine Frage ist: Es ist die Liebe zur Musik.

Christian gibt deinen Worten mit seinen Beats und Soundscapes einen massiven, aber dennoch reduzierten Rahmen. Hier finde ich das Pendant zu den sparsam gesetzten Textzeilen. Auch musikalisch kein Gelaber, sondern extrem konzentriert geht es auch hier zur Sache. Die gesampelten Gitarrenriffs scheinen dabei aus einer anderen Welt zu kommen …
Christian: Danke auch von mir. Ich denke, Dino und ich funktionieren einfach gut zusammen. Zwei Zahnräder, die prächtig ineinander greifen und sich gegenseitig antreiben. Über die Jahre ist da eine Arbeitsweise entstanden, die den Tigerjunge Sound ausmacht. Das live Spielen beeinflusst die Studioarbeit und umgekehrt. Schaffen, auseinandernehmen, samplen und wieder zusammenbauen und wieder von vorne …

Zum guten Schluss: Glaubt ihr an ein Happy End? Wovon auch immer … In Eurem Song „Hand in Hand“ gibt es die Zeilen „Ihr seid besser, als ihr glaubt“ und „Dann gehen wir zusammen in eine neue Zeit“. Was ist Eure Utopie?
Dino: Utopie … dass die Welt als Paradies, reines Land oder perfekter einzigartiger Ort erkannt wird. Dann kommt die Freude und Dankbarkeit, hier leben zu dürfen. Was will Tigerjunge auf dem Mond?
Christian: … genau, ich glaube an das Happy End. Das Leben macht keine Fehler. Ursache/Wirkung ist das Prinzip und wie der Kölner so schön sagt: „Et kütt wie et kütt“, und „Et hätt noch emmer joot jejange.“

Kommen wir jetzt zu etwas völlig anderem:

Die Privatiers

Die Privatiers hatten es als Haupt-Act des Abends zunächst schwer, gegen den bombastischen Sound von Tigerjunge anzurocken. Aber sie sind stadtbekannt – und hatten klaren Heimvorteil.

Die Privatiers am 28.2.2026 im Jazzkeller Krefeld

Mit Rampensau „Dr. Hansa“ Hans-Axel Kemna – schnike in weißem Hemd und Frack – an Mikro und Moog (als veritable Ersatzleistung für den absichtlich fehlenden Bass) sowie den beiden in weißen Laborkitteln gewandten Arbeitstieren BamBam am Schlagzeug und Prof. Mo an der E-Gitarre ging es vor der heimischen Fanbase zackig zur Sache: „Gartenarbeit“, der Opener ihres empfehlenswerten Albums „Aus der Mitte der Gesellschaft“, setzte gleich ein Ausrufezeichen. Spätestens beim Song „Super“ war man dann angekommen im Universum der Privatiers.

In so machen Songs erinnerte die Stimme von Dr. Hansa an den jungen, wilden Marius Müller-Westerhagen – und das meine ich uneingeschränkt als Lob.

Das selbstbetitelte „anti-pop lo-fi post-punk“ Programm setzte sich derweil munter fort im punk-konformen 2-Minuten-Songformat. Meine persönlichen Highlights sind „No no no“, „Arbeitsverhältnis“,„More Money“ und das geradezu grandiose „Karrierefragen”.

Mit „Hundsgemein“ gab es eine stilsichere Interpretation des Ideal-Klassikers aus den 1980ern als erste Zugabe. Zwei Songs später wurde aus dem Publikum lauthals „Gisela! Gisela!“ gefordert, ein Song über eine Baumarktmitarbeiterin, die die Fans der Privatiers ganz offensichtlich in ihr Herz geschlossen haben.

Als absoluter Knaller gab es dann zum Abschluss eine Coverversion zu „Take the Skinheads bowling“ der wunderbaren Camper Van Beethoven. Und weil ich davon die Maxi im Plattenschrank habe – und diese ein so schön gehässiges Cover-Konzept verfolgt, biete ich sie dem geneigten Leser hier von allen Seiten dar:

(Hüstel, räusper – Entschuldigung für diesen unsachgemäßen Exkurs)

Zu guter Letzt noch für alle, die selbst jetzt noch auf Empfang sind, die Links zu den Bands des Abends auf der Musiker-freundlichen Plattform Bandcamp – ganz ohne Paywall, damit jeder in den Hörgenuss kommen kann, der mag. Wohl bekomm’s!

2 Kommentare

Ricarda Do. 5. März 2026 21:45

Das war ein Konzerterlebnis nach meinem Geschmack. Die Privatiers haben, wie immer, rundum gelungen abgeliefert. Tigerjunge – was für eine Überraschung! Wir haben im Nachgang noch viel über den Abend sinniert.

Olaf Ebeling Do. 5. März 2026 19:47

Sehr schön, „Take the skinheads bowling” hatte ich glaub ich seit circa 20 Jahren vergessen, sehr schön ausgesuchter Track als Cover.
Klingt nach einem grandiosen Abend im Keller.

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